Stellvertretender Institutsleiter Prof. Dr. Tom Ritter im Gespräch

»Wer digitale Souveränität will, kommt an Open Source nicht vorbei«

Open Source-Software ist längst mehr als ein Nischenthema für Technik-Enthusiasten. Sie bildet heute das Fundament vieler kritischer IT-Infrastrukturen. Mit dem wachsenden Bedarf an digitaler Souveränität und sicheren, flexiblen Lösungen rückt Open Source zunehmend auch in den Fokus von Politik und Praxis. Doch wie gelingt der nachhaltige Einsatz? Ein Gespräch mit dem stellvertretenden Institutsleiter Prof. Dr. Tom Ritter über Chancen, Herausforderungen und die Rolle von Fraunhofer FOKUS.

Portrait Prof. Dr. Tom Ritter
© Philipp Plum / Fraunhofer FOKUS

Herr Ritter, der Berliner Senat hat noch im vergangenen Jahr eine Open Source-Strategie beschlossen, die die Innovationskraft und digitale Souveränität im Land nachhaltig stärken soll. Open Source erscheint einmal mehr als Allheilmittel für digitale Souveränität – ist das realistisch?

Die internationalen Machtverhältnisse und Abhängigkeiten verändern sich gerade gravierend. Verwaltungen und öffentliche Projekte trifft das im Kern, aber natürlich auch Unternehmen, die möglichst unabhängig von proprietären Plattformen und geschlossenen Ökosystemen agieren wollen. Open Source ist hier weder das Allheilmittel noch ein Selbstzweck. Aber: Wer digitale Souveränität wirklich will, kommt an Open Source nicht vorbei. Es geht um Kontrolle, Transparenz und die Fähigkeit, eigene digitale Infrastrukturen unabhängig – oder zumindest unabhängiger – zu gestalten. Insofern sind wir gespannt und positiv gestimmt, welche konkreten Maßnahmen sich aus der neuen Open-Source-Strategie ergeben. Mir ist aber wichtig drauf hinzuweisen, dass Open Source nicht automatisch Unabhängigkeit bedeutet: Wer nur Quellcode hat, aber keine Community, keine Wartung, keine Sicherheit, keine Prozesse ist noch nicht souverän. Deshalb ist Open Source ein Baustein, kein Allheilmittel, für die digitale Selbstbestimmung.

Was macht eine gute Open-Source-Strategie aus Ihrer Sicht aus?

Eine gute Strategie setzt nicht nur auf Technologie, sondern auf Menschen. Lebendige Communities sind das Herzstück jeder nachhaltigen Open Source-Lösung. Die involvierten Firmen und Organisationen, egal ob nur Anwender oder auch Maintainer, brauchen einen verlässlichen Rahmen mit klaren Spielregeln, um erfolgreich in Open-Source-Projekten kooperieren zu können. Wir investieren daher viel Arbeit in Community-Building, etwa in der Eclipse Foundation, wo ich selbst im Board of Directors aktiv bin. Dort erleben wir, wie transparente Prozesse und gemeinsames Engagement Innovation und Sicherheit fördern – zum Beispiel bei der Umsetzung des EU Cyber Resilience Act. Ohne diese partizipativen Strukturen bleibt Open Source eine leere Hülle. 

Viele Unternehmen und Kommunen sind trotzdem unsicher: Welche Lizenz, welches Geschäftsmodell passt?

Das sind tatsächlich häufige Fragen und es gibt keine allgemeingültigen Lösungen. Die Wahl der Lizenz und des Modells muss zu den Zielen passen. Wir beraten dazu regelmäßig: Von strengen Copyleft-Lizenzen wie GPL, die Offenheit sichern, bis zu flexiblen Modellen wie MIT oder BSD, die Innovation und schnelle Verbreitung ermöglichen. Und auch beim Geschäftsmodell ist die Bandbreite groß: Support, Open Core, Cloud-Lösungen. Wichtig sind klare Governance-Prozesse – also ein verlässlicher Rahmen für Compliance, Sicherheit und das Management von Schwachstellen und Updates. Dazu gehören definierte Verantwortlichkeiten, transparente Release- und Update-Strategien sowie die aktive Pflege und Weiterentwicklung der Lösungen. Wir haben alles schon erfolgreich in unseren Projekten umgesetzt und begleiten Organisationen bei der Auswahl und Integration.

Wird Open Source in Europa seine Wirkung entfalten?

Ja, da bin ich sicher. Wie schnell kann man allerdings schwer abschätzen. Wir sehen, dass Open Source politisch deutlich an Bedeutung gewinnt – neben der Berliner Open Source-Strategie hat sich ja vor kurzem auch die Bundesregierung beim European Summit on Digital Sovereignty im November 2025 zu dem Thema bekannt. Das war ein wichtiges Zeichen. Und auch die europäische Open Source-Industrie steht bereit, digitale Souveränität zu ermöglichen und Innovationen voranzutreiben. Zudem gibt es im kommunalen Bereich erste Vorreiter wie das Land Schleswig-Holstein, das seine Verwaltung konsequent auf Open Source umstellt und damit ein wichtiger Impulsgeber sein kann. Auch hat jüngst eine Studie von Fraunhofer FOKUS im Auftrag des Bundesministeriums für Digitalisierung und Staatsmodernisierung (BMDS) gezeigt, dass beim Einsatz großer KI-Sprachmodelle – sogenannter LLMs – in der Bundesverwaltung bereits überwiegend eigenentwickelte, austauschbare und Open-Source-basierte Lösungen zum Einsatz kommen. Auch wenn es also insgesamt noch an kohärenten Strategien, Investitionen und auch Entschlossenheit fehlt, habe ich den Eindruck, dass die Vorteile von Open Source gerade eine starke Sogkraft entwickeln. Als anwendungsorientiertes Forschungsinstitut tragen wir daher schon lange dazu bei, auch den Open-Source-Ansatz als nachhaltige Lösung im Markt zu stärken.

Was machen Sie dafür konkret?

Fraunhofer FOKUS ist seit über 20 Jahren in internationalen Open-Source-Communities aktiv, neben der Eclipse Foundation zum Beispiel auch in der globalen Open-Source-Software-Community OW2. Unsere rund 450 Mitarbeitenden am Fraunhofer FOKUS bringen technische Expertise in zahlreiche Open-Source-Projekte ein: von der Entwicklung von Daten- und Serviceökosystemen über Simulationsumgebungen für Mobilität bis hin zu Open-Source-Lösungen für die öffentliche Verwaltung mit der Open-Source-Lösung piveau®. Wir entwickeln Referenzimplementierungen für sichere Datenräume, gestalten Standards für Open Data und unterstützen den Aufbau neuer Communities wie zum Beispiel Thinq Qrisp für das Quantencomputing und noch vieles mehr. Das Wichtige dabei: Unser Ansatz ist es, nicht nur politisch-strategisch zu beraten, sondern ganz konkret auch technisch zu liefern. 



Letzte Änderung: