Institutsleiter Prof. Dr. Manfred Hauswirth im Gespräch
Qubits allein reichen nicht
Der globale Wettbewerb um das Quantencomputing ist längst im Gange und wird allzu häufig über die Leistungsfähigkeit neuer Hardware definiert. Langfristig wird sich sein Erfolg jedoch nicht allein daran messen, wer die leistungsfähigsten Quantenprozessoren entwickelt, sondern auch daran, wer die besten Werkzeuge für Entwickler schafft. Welche Rolle dabei Software-Stacks, Open Source und technologische Souveränität spielen und wie Fraunhofer FOKUS den Aufbau europäischer Quantenökosysteme unterstützt, Prof. Dr. Manfred Hauswirth, Institutsleiter am Fraunhofer FOKUS, im Interview.
Herr Hauswirth, beim Quantencomputing wird meist über neue Hardwaregenerationen und die Anzahl der Qubits gesprochen. Greift diese Diskussion zu kurz?
Ja, aus meiner Sicht greift sie zu kurz. Leistungsfähige Quantenhardware ist natürlich eine Voraussetzung für den Erfolg des Quantencomputings. Die entscheidende Frage lautet jedoch: Wie kommen wir von technologischen Durchbrüchen zu nutzbaren Anwendungen? Ein Blick in die Geschichte der Informatik zeigt, dass technische Revolutionen selten allein durch Hardware entstehen. Erst Programmiersprachen, Betriebssysteme, Entwicklungsumgebungen und offene Schnittstellen haben Computer für eine breite Nutzung erschlossen. Eine ähnliche Entwicklung sehen wir heute beim Quantencomputing.
Warum ist Software für den Erfolg des Quantencomputings so entscheidend?
Software spielt eine zentrale Rolle, denn die Wettbewerbsfähigkeit von Quantenökosystemen wird künftig nicht allein davon abhängen, wer die leistungsfähigsten Systeme baut. Ebenso wichtig ist, wer zum Beispiel die besten Entwicklungswerkzeuge und die offensten Ökosysteme schafft und die Hürden für Anwender zu senken. Unternehmen und Forschungseinrichtungen benötigen Werkzeuge, mit denen sie Quantenanwendungen entwickeln können, ohne sich frühzeitig auf einzelne Hardwareplattformen festlegen zu müssen. Software-Stacks, Programmiersprachen und interoperable Entwicklungsumgebungen sind hierfür maßgeblich.
Welche Chancen ergeben sich daraus für Deutschland und Europa?
Europa verfügt über eine starke Forschungslandschaft und leistungsfähige Industriepartner. Um daraus langfristig Wettbewerbsvorteile zu entwickeln, brauchen wir den Transfer von Forschungsergebnissen in die Praxis. Es ist es wichtig, dass die Hightech Agenda Deutschland nicht ausschließlich den Ausbau der Quantenhardware adressiert, sondern auch die Entwicklung leistungsfähiger Software-Stacks und industrieller Anwendungen unterstützt. Erst das Zusammenspiel beider Ebenen ermöglicht den Aufbau nachhaltiger Quantenökosysteme für die Wirtschaft.
Wie bringt Fraunhofer FOKUS seine Expertise in das Quantencomputing ein?
Bei Fraunhofer FOKUS beschäftigen wir uns intensiv mit Programmiersprachen, Entwicklungsumgebungen und zuverlässigen, interoperablen Softwarekomponenten für das Quantencomputing. Ein aktuelles Beispiel ist unser europäisches Projekt »Q-VERSE«. Ziel ist der Aufbau eines offenen Quantum Software Stacks, der die Entwicklung und Nutzung von Quantenanwendungen erleichtert und die technologische Souveränität Europas stärkt.
Eine Grundlage dafür ist Eclipse Qrisp. Was steckt dahinter?
Eclipse Qrisp ist ein von Fraunhofer FOKUS initiierter Open-Source-Ansatz für die Quantenanwendungsentwicklung. Die Idee besteht darin, Quantenprogramme möglichst unabhängig von einzelnen Plattformen entwickeln zu können und so die Interoperabilität zwischen verschiedenen Technologien zu verbessern. Darüber hinaus fördern wir mit der Eclipse-Qrisp-Community den Austausch zwischen Forschung, Entwicklung und Anwendern. Solche Communities sind extrem wichtig, weil wirkliche Innovationen fast nie isoliert entstehen.
Was bedeutet die kürzlich vorgestellte Integration von Eclipse Qrisp mit NVIDIA CUDA-Q für die Praxis?
Sie zeigt ganz deutlich, welchen Mehrwert offene Softwarebausteine schaffen können. Offene Standards und interoperable Werkzeuge ermöglichen die Verbindung unterschiedlicher Technologien und reduzieren Abhängigkeiten von einzelnen Anbietern. Gerade im Quantencomputing, wo sich Hardware- und Softwarelandschaften noch dynamisch entwickeln, ist diese Offenheit ein wichtiger Erfolgsfaktor. Sie schafft Flexibilität für Entwickler und erleichtert den Transfer von Forschungsergebnissen in reale Anwendungen.
Letzte Woche wurde Eclipse Qrisp mit dem Quantum Effects Award 2026 ausgezeichnet. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie?
Wir freuen uns sehr über diese Anerkennung. Der Quantum Effects Award bestätigt die Arbeit unseres Teams und zeigt, dass offene Softwareansätze zunehmend als Schlüssel für die Weiterentwicklung des Quantencomputings wahrgenommen werden. Für mich ist die Auszeichnung vor allem ein Signal dafür, dass leistungsfähige Entwicklungswerkzeuge, offene Ökosysteme und starke Communities künftig ebenso wichtig sein werden wie Fortschritte bei der Hardware. Sie sind eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass Quantencomputing den Schritt von der Forschung in die breite Anwendung schafft und gleichzeitig die digitale Souveränität Europas stärkt.
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