Institutsleiter Prof. Dr. Manfred Hauswirth im Gespräch

»Exzellenz entsteht durch Vernetzung«

Die Berlin University Alliance – getragen von der Freien Universität Berlin, der Humboldt‑Universität zu Berlin, der Technischen Universität Berlin und der Charité – wird erneut im Rahmen der Exzellenzstrategie gefördert. Berlin behauptet damit einmal mehr seinen Rang als einer der dynamischsten Wissenschaftsstandorte Europas. Was macht diese Stärke aus? Und welche Rolle spielt die Vernetzung zwischen Universitäten und außeruniversitären Instituten? Prof. Dr. Manfred Hauswirth, Institutsleiter am Fraunhofer FOKUS, Professor an der TU Berlin und Direktor am Weizenbaum‑Institut sowie Mitglied eines Steering Committees der Berlin University Alliance (BUA), erklärt, warum Exzellenz ohne Kooperation kaum denkbar ist – und weshalb sie in Berlin besonders gut gelingt.

Portrait von Prof. Manfred Hauswirth
© Philipp Plum / Fraunhofer FOKUS

Herr Hauswirth, Sie verbinden in Ihrer Person gleich drei Berliner Forschungseinrichtungen. Was zeichnet den Standort Berlin aus?

Berlin bündelt Wissenschaft in einer einzigartigen Dichte und Vielfalt. Exzellente Universitäten treffen hier auf eine starke außeruniversitäre Forschungslandschaft – allein vier Fraunhofer‑Institute sind in der Stadt präsent. Gleichzeitig ist Berlin Deutschlands Start‑up‑Hauptstadt. Damit sind die Voraussetzungen gegeben, um Forschungsergebnisse in Prototypen und innovative Anwendungen zu überführen.

Hinzu kommt der internationale Charakter der Stadt. Der hohe Anteil ausländischer Forschender und Studierender bringt neue Expertise, Perspektiven, Denkweisen und Dynamiken in die wissenschaftliche Arbeit – ein enormer Innovationsmotor.

Am Fraunhofer FOKUS gestalten wir den digitalen Wandel. Erfolgreiche digitale Lösungen entstehen aber nur, wenn sie in der Gesellschaft verankert sind. Als Informatikinstitut forschen wir deshalb interdisziplinär und arbeiten eng mit Partnern wie dem Weizenbaum‑Institut zusammen. So kommen technische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Perspektiven zusammen, die z. B. auch ethische Dimensionen betreffen. 

Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Berliner Universitäten konkret?

Sehr eng und sehr vielfältig. Fraunhofer ist anwendungsnah, aber zugleich wissenschaftlich tief verankert. Das spiegelt sich in gemeinsamen Professuren, Forschungsverbünden und Laboren wider. Am Beispiel der TU Berlin zeigt sich die Zusammenarbeit deutlich: Prof. Thomas Magedanz leitet dort das Fachgebiet Architekturen der Vermittlungsknoten und gemeinsam mit Dr. Marius Corici den Geschäftsbereich Software-based Networks am Fraunhofer FOKUS, wodurch gemeinsame Forschungen an 5G- und 6G-Testumgebungen möglich werden. Dr. Ilja Radusch leitet bei Fraunhofer FOKUS den Geschäftsbereich Smart Mobility und an der TU Berlin das Daimler Center for Automotive IT Solutions.

Mit der HTW, HU, FU und der Charité arbeiten wir ebenso zusammen – in der Lehre oder in Projekten wie »6G‑PATH«, das sichere und leistungsstarke Kommunikationsnetze für Kliniken erforscht.

Diese Vernetzung bringt Vorteile auf allen Ebenen: Fraunhofer gewinnt Zugang zu umfangreichen Forschungsdaten und zu talentierten Nachwuchskräften. Studierende und Promovierende erhalten Praxiseinblicke, haben Zugriff auf modernste Infrastrukturen, die Universitäten nicht bieten können, und knüpfen früh Kontakte in die Industrie. Unternehmen profitieren von Wissen, das direkt aus der Forschung kommt. Die Stadt Berlin zum Beispiel setzt Innovationen unmittelbar um – etwa unsere barrierefreie Indoornavigation everguide, die bereits in einigen Behörden zur Verfügung steht, oder die Software Berliner Jugendhilfe, die in der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie eingesetzt wird.

Eine weitere Säule vernetzter Forschung sind digitale Forschungsinfrastrukturen. Daher sind wir federführend an der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI) beteiligt und koordinieren zentrale Projekte.

Worin unterscheiden sich Universitäten und Fraunhofer in ihrem Selbstverständnis?

Universitäten forschen mit Blick auf grundlegende Erkenntnisse und langfristige Fragestellungen. Sie haben die Freiheit, explorativ zu arbeiten. Fraunhofer hingegen orientiert sich an der Anwendung: Wir bewegen uns am Übergang von der Wissenschaft zum Markt und entwickeln Lösungen, die mit der Industrie und Verwaltung kurz- und mittelfristig in die Praxis überführt werden sollen. Beide Perspektiven ergänzen sich – und genau das macht gemeinsame Projekte so wertvoll.

Was wünschen Sie dem Berliner Wissenschaftsstandort für die Zukunft?

Mut und noch mehr Zusammenarbeit. Exzellenz entsteht nicht im Silo. Sie entsteht dort, wo sich Disziplinen, Institutionen und Menschen vernetzen. Thematisch gibt die Hightech-Agenda der Bundesregierung eine sehr gute Roadmap vor. Entscheidend ist aber auch eine dauerhafte Finanzierung von Transfer- und Kooperationsstrukturen und weniger Bürokratie sowie schnellere Entscheidungen. Wenn dies gelingt, wir unsere wissenschaftlichen Stärken bündeln und unsere Ideen konsequent in Nutzen für Wirtschaft und Gesellschaft übersetzen, kann Berlin seine Strahlkraft weiter ausbauen – in Europa und weltweit.

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